Rostock stellt das System früher um
Erste Schritte zu Hartz IV in Rostock
(...) Keine offizielle Stelle in Rostock will zu Hartz IV, zur
konkreten Umsetzung und zur Frage, wer künftig was zahlen soll,
wirklich Stellung beziehen. Von der Stadt und der Agentur für Arbeit
kommt unisono derselbe verhaltene Hinweis: Ohne neue Arbeitsplätze ist
die Effizienz der Vermittlung eine relative Größe.
Zum 1. Januar 2005 steht den
Kommunen in Deutschland ein gewaltiger
bürokratischer Kraftakt ins Haus: Die geplante Zusammenlegung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe, die letzte Stufe der Reformen am
Arbeitsmarkt, kurz Hartz IV genannt. Die Hansestadt Rostock erprobt das
künftige System mit seinen neuen Aufgaben für die kommunalen Behörden
schon früher: Zum ersten Oktober ist in einem Pilotprojekt geplant, das
Arbeitsamt, oder im neuen Sprachgebrauch, die Agentur für Arbeit, und
das Sozialamt faktisch zusammenzulegen. Bundesweit 14 Kommunen testen
die Praxis, die ab Januar der ganzen Republik ins Haus steht. Im Kern
geht es um Verfahren, die Beratung für das neue Arbeitslosengeld 2 und
dessen Auszahlung zu organisieren.Entlastungen für Kommunen durch Arbeitslosengeld 2?
Der Bund soll ab Januar die Kosten für den Lebensunterhalt
übernehmen
und die Gemeinden bezahlen Miete und Wohngeld. Theoretisch entlastet
dies die kommunalen Haushalte bundesweit um 2,5 Milliarden Euro. Neue
Berechnungen gehen aber von einem durchgehenden Defizit für die
Stadtsäckel aus. Des Weiteren steht den Kommunen die Entscheidung
offen, ob sie Beratung und Vermittlung von Langzeitarbeitslosen mit
ihrer Vor-Ort-Kompetenz übernehmen wollen oder diese Arbeit weiterhin
der Bundesagentur überlassen. Wegen vieler Unwägbarkeiten steht Hartz
IV fortwährend in der Kritik: Der Deutsche Städtetag fürchtet
finanzielle Risiken für die Kommunen und verhandelt über
Nachbesserungen. Die Union fürchtet eine starke personelle Aufblähung
der Bundesagentur für Arbeit und will die Rolle der Kommunen stärken.
Die PDS in Mecklenburg-Vorpommern warnt im Nordosten vor einem hohen
Armutsrisiko durch das Arbeitslosengeld 2: Nach Ansicht von Landeschef
Peter Ritter schafft diese Komponente der Hartzgesetze keinen einzigen
Arbeitsplatz, sondern stürze Menschen tausendfach in Armut.Pilotprojekt und neue Wege
Zurückhaltend zum Modellversuch in der
Hansestadt äußert sich der
Pressesprecher der Rostocker Stadtverwaltung, Ulrich Kunze. Eine
Umstellung auf Hartz IV sei das noch nicht. "Es geht darum ein Modell
zu entwickeln, neue Wege auszuprobieren", so Kunze. Die Zusammenlegung
der beiden Sozialleistungen wird auch in Rostock erst zum Neujahrstag
2005 stattfinden. Oberbürgermeister Arno Pöker will "durch eine enge
Kooperation die Betreuungskompetenz der Stadtverwaltung und
Marktkompetenz der Agentur für Arbeit bündeln und so Leistungen‚ aus
einer Hand’ vermitteln". Der erste Schritt in Richtung Hartz IV soll
eine Kooperationsvereinbarung zwischen Stadt und Agentur für Arbeit
sein. Die ist nun unterschrieben. Hoffnung auf einen innovativen Schub
für den regionalen Arbeitsmarkt durch die neuen Vermittlungskonzepte?
"Man kann nichts ausschließen", sagt Pressesprecher Kunze.Skepsis bei der Klientel
Doris Müller, ehrenamtliche Mitarbeiterin der gewerkschaftlichen
Arbeitslosenberatung "Dauwat" sieht dem neuen Jahr skeptisch entgegen.
"Von den rund 15.000 Arbeitslosengeld-2-Empfängern muss die Hälfte mit
starken Einbußen bis hin zur völligen Streichung der Bezüge rechnen".
Wenn nämlich der Partner zuviel verdient, kann das Arbeitslosengeld 2
komplett wegfallen. Die soziale Prognose für Rostock? Doris Müller,
muss kurz lachen: "Sehr schlecht! Die Kaufkraft wird erheblich
runtergehen, der Einzelhandel wird die Folgen spüren, Discounter werden
den Markt übernehmen." Stadt und Arbeitsamt hätten sich in ihrem
Treffen über "die Raumverteilung" der neuen Behörde ausgetauscht. "Wie
das alles laufen soll? Das steht noch in den Sternen!". Nicht jeder spricht es so offen aus. Aber in den offiziellen Kommentaren aus der Hansestadt schwingt eine gewisse Skepsis mit. Unterschwellig wird klar, dass die schlechte Wirtschaftslage und keine Aussicht auf neue Jobs wenig Platz für Illusionen lassen. Da hilft es auch wenig, dass die bisherigen Sozialhilfeempfänger künftig dank einer Kann-Bestimmung eine Ich-AG gründen und leichter an Schulungsmaßnahmen teilnehmen können.
Effizienz durch "Fall-Management"
Der Kundenbereichsleiter der Rostocker Agentur
für Arbeit, Christoph
Möller, sieht der Umstellung des Systems zum ersten Januar weniger
besorgt entgegen. "Wir sind besser aufgestellt, als andere Kommunen".
Dank des Pilotprojekts und der Probephase ab Oktober bekommen Software
und Behörden-Alltag eine Vorlaufzeit. Kern der künftigen Arbeit sei
aber das "Fall-Management". Die Frage, was einer Beschäftigung
eigentlich entgegensteht, soll zum Mittelpunkt einer konstruktiveren
Beratung werden. "Es geht darum, Stolpersteine aus dem Weg zu räumen".
In Zusammenarbeit mit der Schulden- und Drogenberatung und durch
interne "gegenseitige Schulung" will die neue Behörde effizienter
vermitteln. Und Möller kann auf Erfolge verweisen: Unter dem Begriff
"Jump Plus" bemüht sich ein Verbund von Agentur für Arbeit, Sozial- und
Jugendamt um die Vermittlung von jungen Arbeitslosen unter 25 Jahren.
Seit Februar diesen Jahres haben 400 junge Leute durch dieses
Job-Center U25 eine reguläre Arbeit gefunden - und die zehn Berater von
Job-Center U25 bekommen demnächst 15 neue Kollegen.Gute Erfahrungen mit "Headhuntern"
Mit Bildungsträgern, die ihre fortgebildeten Kunden selbst vermitteln
dürfen, hat Doris Müller von "Dauwat" positive Erfahrungen gemacht.
Solche professionellen "Headhunter" wüssten sehr genau, wo welcher Job
im Angebot ist, und wer ihn wie kriegen kann. Das geplante Modelprojekt
stellt sie sich "chaotisch" vor. "Wenn das wirklich kompetente Leute
machen würden, dann vielleicht ...", so Müller. Sie selbst ist seit
Anfang des Jahres arbeitslos. Zuvor war sie bei "Dauwat" angestellt.
Jetzt muss sie darauf achten, nicht mehr als 14,9 Stunden ehrenamtlich
für den Verein zu arbeiten: Ihr Status als Arbeitslose wäre sonst in
Gefahr. "Ich bin keine mündige Bürgerin mehr", kommentiert Doris Müller
die Rechtslage.Ohne neue Jobs wenig Anlass zur Hoffnung
Keine offizielle Stelle in Rostock will zu Hartz IV, zur konkreten Umsetzung und zur Frage, wer künftig was zahlen soll, wirklich Stellung beziehen. Von der Stadt und der Agentur für Arbeit kommt unisono derselbe verhaltene Hinweis: Ohne neue Arbeitsplätze ist die Effizienz der Vermittlung eine relative Größe.
Fotos: NDR Online






