Prime Time im Wedding
"Entweder du kriegst auf die Fresse oder sie lieben dich"
„Gutes Wedding - Schlechtes Wedding (GWSW)" spielt mit Medienästhetik und der Realität vor der Tür: Prime Time als Programm, jede Vorstellung beginnt um 20.15 Uhr. Oft ergänzen vorproduzierte Video-Einblendungen via Monitor die Bühnen-Seifen-Show. Neben dem inhaltlichen Bezug auf das Viertel sorgt eine unbedarfte Beherrschung des Phänomens Bühne für ein Wedding-Live-Gefühl
Murat
führt das Publikum ein. „Was bisher geschah", ein Ritus: Mahmut hat
endlich einen legalen Job, Eische prügelt sich mit Tamara, und Hassan
erwischt seine Tochter mit Mustafa „in Falagaranti". Murat stockt,
fragt in die Runde der rund 60 Zuschauer: „Falagaranti, weiß jemand, wo
ist das?" Der Kalauer in türkischem Pidgin-Deutsch bringt den ersten
Lacher. Es ist Samstagabend im Wedding, das Prime Time Theater geht mit
der dritten Staffel von Gutes Wedding – schlechtes Wedding an den
Start. Wie alle Vorstellungen seit dem Umzug aus der Freienwalder
Straße im September ist auch diese ausverkauft, kein Zuschauer ist mehr
als sieben Meter vom Geschehen entfernt. „Ich kann hier keine Ohrfeige
antäuschen", sagt Constanze Behrends, Autorin, Dramaturgin und dreifach
besetzte Darstellerin in einer Person. Tritte sind laut Programmheft
echt, Küsse auch.
„Wenn Du mich anfasst, sehen die Leute Dein Blut auf dem Laken!"
Zunächst Klamauk: Eische und Murat sollen heiraten, Nicol wurde noch
in
der letzten Staffel unter Murats Zutun schwanger, Eische liebt Mustafa,
und Murats Vater besteht auf einer türkischen Jungfrau an der Seite
seines Sohnes. Eisches Kommentar zur Hochzeitsnacht: „Wenn Du mich
anfaßt, sehen die Leute Dein Blut auf dem Laken!" Erwartungen auf
tiefgründige Milieustudien und dramaturgische Extravaganzen werden
schnöde enttäuscht, es geht um kabarettistisches Theater im
Soap-Format. „Verkopftes Tanztheater gibt es überall, aber
Unterhaltung, die nicht allzu flach wird, das ist selten", so Behrends,
die das Theater zusammen mit Oliver Tautorat Anfang des Jahres
gegründet hat. Tautorat auf der Bühne Murat, Mahmud und Hassan
vergleicht: „Wo willst du in Berlin hingehen? Didi Hallervorden in der
Distel oder Friedrichstadtpalast, das war's."
„GWSW"
spielt mit Medienästhetik und der Realität vor der Tür: Prime Time als
Programm, jede Vorstellung beginnt um 20.15 Uhr. Oft ergänzen
vorproduzierte Video-Einblendungen via Monitor die Bühnen-Seifen-Show.
Neben dem inhaltlichen Bezug auf das Viertel sorgt eine unbedarfte
Beherrschung des Phänomens Bühne für ein Wedding-Live-Gefühl: Sowohl
das Trottoir der Freienwalder Straße als auch der Hinterhof der neuen
Spielstädte werden einbezogen, wenn das Publikum per Fenster- oder
Monitorblick im Bilde ist. Seit 31. Oktober treffen sich zudem
Arbeitsbeamtin Frau Schinkel und Dönertaxifahrer Murat in der Dönerbude
„Chez Ölgür" zur sonntäglichen Weddinger Wochenschau.
„Prenzelwichser", „Mitte is' Schitte", und „Wedding is real sex"
Tautorat und Behrends tingelten zuvor mit Kabarettprogrammen und
eigenen Stücken. Die erste Spielstätte in der Freienwalder Straße war –
mit fünf Euro Eintritt – von Beginn an selbstfinanziert. „Wenn ich
Flyer verteile, fragen die Leute sofort, was das kostet. Bei fünf Euro
hören sie weiter zu", so Tautorat. Der sich einstellende Erfolg für die
mittlerweile fünf Schauspieler mag Grund für eine selbstbewußte Haltung
der Theatermacher sein, die auch gerne Fähnchen mit der Aufschrift
„Prenzelwichser", „Mitte is' Schitte", und „Wedding is real sex" ans
Publikum verteilen. „´Prenzelwichser', das sind Leute, die seit zwei
Jahren ein Projekt planen – Vampire, die fremde Energien saugen", so
Behrends. „Hier im Wedding laufen Freundschaften und Kooperationen
offener ab, das ist ´real sex'", erläutert Tautorat. „Entweder du
kriegst auf die Fresse oder sie lieben dich", verkürzt Behrends
nonchalant. Im Willkommenspaket des Quartiersmanagements Soldiner Kiez
findet sich mittlerweile auch ein T-Shirt mit den Kulturslogans des
Theaters.
Auch ungleich härtere Kost
Über das Vorabend-Format hinaus produzierte das Theater in diesem
Jahr noch den Polizeiruf 65 und woy-zecke@tv. Der privaten Cross-Logik
folgend verschwindet im Polizeiruf Eische spurlos im Wedding. Die
Woyzek-Adaption setzt den Büchnerschen Helden als Ex-Junkie in eine
videoüberwachte Wohnung, läßt ihn genmanipulierte Erbsen fressen und,
werktreu, zum Mörder werden. Eine Wiederaufnahme ist für Januar
geplant. Auch diese ungleich härtere Kost stammt, wie alle Stücke, von
Constanze Behrends.
Screwball-Komödie rotiert zu furiosem Happy End
An diesem Abend bleibt es seifig. Nach der Pause springen Handlung
und Slang in deutsche Befindlichkeiten: Im Standesamt verbreitet eine
Beamtin schwersten thüringischen Slang. Unterstützt wird sie lautstark
von Onkel Ahmeds Lebensgefährtin Heidemaria. Die Standesbeamtin
intrigiert mit Hilfe der aktuellen Scheidungsquote, dem, was sie
„kulturelle Differenzen" nennt, den Erfahrungen einer 24jährigen Ehe
und kommt wiederholt zum Schluß: „Lassen sie es!" Die Brautmutter
Fatima zieht die Fäden, die störenden Väter Hassan und Erkan werden in
der Wohnung weggeschlossen, und die Weddinger Screwball-Komödie rotiert
zu einem furiosen Happy End. Wenn die türkischen Brautleute auch ihre
jeweiligen Nachnamen brav selbst aufsagen müssen, um der offensichtlich
unfähigen Standesbeamtin die Artikulation zu ersparen: Nicol kriegt
ihren Murat, und Eische ehelicht Mustafa – Schlußapplaus. Murat gibt
nach dem letzten Beifall noch eine Ausblick: „Hassans Rache" – ein
Unfall Nicols vielleicht? Das Format vertröstet auf das nächste
Wochenende.
Fotos: Prime Time Theater / Vinzenz Fengler






